Verletzte Gefühle

Es war einmal ein Mann, der hatte Schwierigkeiten, mit seinen negativen Gefühlen umzugehen. Wenn er sich missverstanden, übergangen oder abgewiesen fühlte, ärgerte er sich so sehr, dass ihm das Blut in den Kopf schoss. Jegliche Kritik verletzte ihn. Manchmal reagierte er jähzornig und wurde deswegen von seinen Mitmenschen gemieden. Der einzige Freund der ihm blieb, war sein Hund. Der ertrug die Launen des Mannes geduldig. Wenn er gescholten wurde, duckte er sich weg und verzog sich in seine Ecke. Er gehorchte jedoch weiterhin seinem Meister – bis zu dem Tag, an welchem der Mann seine Arbeitsstelle verlor. An diesem Tag schlug er seinen Hund mit der Leine.


Von da an lag der Hund nur noch apathisch in seinem Korb und frass nichts mehr. Da meldete sich bei dem Mann das schlechte Gewissen. Er sprach dem Hund freundlich zu und versuchte, seine Kameradschaft zurückzugewinnen. Doch es funktionierte nicht. Das machte den Mann traurig.


Dann erinnerte er sich, dass einer seiner früheren Arbeitskollegen sich gut mit Tieren auskannte und rief ihn an. Der Kollege meinte, es gäbe vielleicht eine Lösung für das Problem. Er müsse den Hund in seiner Hundesprache um Vergebung bitten.

Die Anweisungen seines Kollegen erfüllten den Mann mit Furcht. Er glaubte, dass sein Hund ihn ernsthaft verletzen könnte, wenn er sich so verhalten würde, wie es ihm angeraten worden war. Der Freundschaftsentzug seines liebsten Kameraden empfand er jedoch so schmerzhaft, dass er sich schliesslich überwand, sich vor dem Hund auf den Boden legte und ihm seinen entblössten Hals darbot. Der Hund verstand sofort, sprang auf, wedelte mit dem Schwanz und leckte dem Mann das Gesicht ab.

Der Mann hatte den Hund in dessen Sprache um Vergebung gebeten, indem er ihm die Möglichkeit gab, ihn mit einem Biss in den Hals tödlich zu verletzen, so wie es Hunde und Wölfe tun wenn sie sich der Rudelführerin oder dem Rudelführer unterordnen.

Vergeben

Kinder beenden Konflikte untereinander, indem sie «Frieden machen». Das geht nur, wenn beide einverstanden sind. Sind Erwachsene zugegen, fordern diese oft eine Entschuldigung von beiden Parteien. Wer Frieden machen will, darf gegebenenfalls Bedingungen stellen, um verletzendes Verhalten zu sanktionieren. Ist der Frieden wiederhergestellt, verlieren negative Gefühle, die mit dem beigelegten Konflikt verbunden sind, ihre Grundlage und können ausheilen.


Als ich begann, als Mittel der Psychohygiene Vergebung zu üben, bemerkte ich bald, wie zahlreich die nicht beigelegten Konflikte waren, die nach und nach in mein Bewusstsein zurückkehrten. Es gab Konflikte in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, Konflikte mit ehemaligen Lehrern, Vorgesetzten, Arbeitskollen und Geschäftspartnern.


Die Person, deren Freundschaftsverlust mich am meisten schmerzte, liess ich in wiederkehrenden Meditationen in mein Herz eintreten. Ich befragte mein Herz, wie es sich dabei fühle – ich versuchte, mich in die Person zu versetzen und den Konflikt aus ihrer Perspektive zu sehen – ich bat um Vergebung für uns beide – ich bat um Frieden. Allmählich stellte sich ein besseres Verständnis für gegensätzliche Ansichten und ein Gefühl der Demut ein. Ich wurde gelassener und empfand mehr Mitgefühl.

Abgeben, was ich nicht tragen kann

Es gibt Menschen denen ich nicht verzeihen konnte, was sie mir oder jemand anderem angetan hatten. Einem meiner ehemaligen Lehrer gab ich eine Mitschuld am Suizid eines Klassenkameraden. Der Lehrer hatte die Schulschwächsten der Klasse regelmässig gedemütigt, beleidigt und sich über sie lächerlich gemacht. In solchen Momenten fühlte sich die Luft im Klassenzimmer an wie zäher, giftiger Schleim.


Dass nicht nur ich so empfand, zeigte sich an einer Klassenzusammenkunft dreissig Jahre später. Ein ehemaliger Mitschüler meinte, er würde den Lehrer am liebsten umbringen. Aus zwei Jahren Leiden waren zweiunddreissig geworden.


Im stressigen Berliner Stadtverkehr hatte ich einmal eine unliebsame Begegnung mit einem Autofahrer. Als ich mit dem Fahrrad vor ihm auf seine Spur wechselte, hupte er mich an und wollte gar nicht mehr damit aufhören. An einer Ampel die auf Rot stand kamen wir nebeneinander zum Halt. Er liess die Scheibe herunter und beschimpfte mich. Ich war mir keiner Schuld bewusst, schaute ihn nur an und schwieg. Er schimpfte weiter und sein roter Kopf war so angeschwollen, dass er demnächst zu platzen drohte. Schliesslich entschuldigte ich mich bei ihm. Er wurde sofort leiser, wandte seinen Blick nach vorne und fuhr weiter.


Ich liess einen Fluch auf diesen Idioten los und trat stärker in die Pedalen. Jetzt war ich es, der verärgert war. Ein paar Blocks weiter wurde mir klar: Der Autofahrer war bereits vor unserer Begegnung frustriert gewesen und hat seinen Ärger an mir ausgelassen. Vielleicht hat seine Frau ihn verlassen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist er gerade in einer Lebensphase, in der er ein Idiot sein will. Ich musste mich überhaupt nicht ärgern. Mutter Erde wird sich um ihn kümmern. Nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung wird sie zusammenbringen, was zusammengehört. Dieser Gedanke entspannte mich.


Wenn ich heute meinem Lehrer von damals begegnen würde, hätte ich nicht das Bedürfnis ihn umzubringen. Ich würde ihn wahrscheinlich ignorieren. Obwohl ich die Auswirkungen seines ungerechten Verhaltens viele Jahre lang in meinem Körper gespürt habe, brauche ich diese Last nicht länger mit mir herumzutragen. Die Bösartigkeit dieses Lehrers wird in irgendeiner Form auf ihn zurückfallen. Wahrscheinlich ist das längst geschehen. Mutter Erde kann das regeln, ich nicht. Ich lasse es los. Hätte der Lehrer auch loslassen können, hätte er sein Leiden vielleicht nicht auf seine Schüler übertragen und mein Mitschüler von damals wäre noch am leben.


Wir haben oft zusammen Landhockey gespielt. Daniel, deine Schüsse aufs Tor waren Legende.

Frei sein

Nicht alle Konflikte in meinen Beziehungen sind bereinigt. Die Arbeit der Vergebung braucht Zeit. Stolz ist ein Hindernis. Er ist überflüssig. Ich verliere nichts, wenn ich ihn gehen lasse. Wo der Stolz geht, kann ein gesundes Selbstwertgefühl entstehen – ein Gefühl für die Würde, welche alle Lebewesen krönt.


Ich bin der Dunkelheit von Schuld und Scham nicht hilflos ausgeliefert. Ich kann um Vergebung bitten und selbst vergeben. Wir können das grosse Geheimnis des Lebens um Hilfe bitten. Wir können uns befreien von den belastenden Gefühlen, die wir jahrelang mit uns herumgetragen haben. Was es dazu braucht ist Vergebung, Demut und viel guten Willen, den Frieden um den wir bitten auch tatsächlich zu leben.


Yves Scherer, Oktober 2021

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