Kolumne

Mutter Erde im Herzen

Systemwandel von innen

Regungslos schwebt die große, schön gemusterte Libelle über dem Wasser. Es ist eine blaugrüne Mosaikjungfer, die am Weiher Insekten jagt. Ein Wesen aus grauer Vorzeit. Bereits vor 320 Millionen Jahren besiedelten Riesenlibellen mit einer Flügelspannweite von 70 Zentimetern feuchte Sumpflandschaften.

Dinosaurier, Säugetiere und Blütenpflanzen gab es noch nicht. In den Kohlesümpfen gediehen Schachtelhalme, Farne und 40 Meter hohe Bärlappgewächse, die wir heute als Steinkohle verbrennen.
Der Anblick der Libelle am Weiher hat mir ein Zeitfenster in die Erdgeschichte geöffnet. Es ist ein Moment, der meine Vorstellung von Zeit herausfordert.

Und urplötzlich schnellt das Insekt weg, aus dem Stillstand auf Höchstgeschwindigkeit.

Mein Spaziergang führt mich vom Weiher im Erlenbruchwald durch eine hügelige Moränenlandschaft, die von Gletschern geformt wurde. Der unter Naturschutz stehende Laubmischwald ist ein Mosaik unterschiedlicher, artenreicher Biotope.
Hier kann ich mich gut entspannen. Und ich bin nicht der Einzige, der hier Erholung sucht. Jogger, Biker und Familien besuchen den Wald und sind mitunter ziemlich laut.

An heißen Sommertagen liegt die Temperatur im Waldinneren bis zu 10 °C unter derjenigen außerhalb. Der Wald kühlt und sorgt für regelmässige Niederschläge, ist Wasser- und CO2-Speicher, Luftfilter, Holzlieferant und Heimat einer großen Artenvielfalt.

In einer Handvoll Waldboden leben mehr Organismen, als es Menschen gibt.

Unsere problematischen Hinterlassenschaften

Dass intakte Ökosysteme für die Artenvielfalt von großer Bedeutung sind, ist keine neue Erkenntnis. Umgekehrt stabilisiert eine große Artenvielfalt das Ökosystem.
Beide zusammen bilden die Grundlage unserer Ernährungssicherheit.
Oder sollte man – wenn man von Ernährungssicherheit spricht – eher in der Vergangenheitsform sprechen?

Obst und Gemüse werden zum größten Teil durch Insekten bestäubt. Und Insekten sind von einem Massensterben betroffen. Eine breit angelegte Biodiversitätsstudie der Technischen Universität München, die von 2008 bis 2017 durchgeführt wurde, zeigt das drastische Ausmaß des Insektensterbens. Auf den untersuchten Flächen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg wurde am Ende der Untersuchungen ein Drittel weniger Insektenarten gezählt als neun Jahre zuvor. Die gemessene Biomasse der Insekten hatte sogar um 40 Prozent abgenommen.

Immer mehr Studien bestätigen diese erschreckende Entwicklung.

Den Grund dafür verorten die Wissenschaftler/innen in der intensiven Landwirtschaft. Kein Wunder, denn der kontinuierliche Einsatz von chemischen Pestiziden hat die Ackerflächen konventionell bewirtschafteter Höfe nahezu sterilisiert. Nicht nur Insekten werden abgetötet, sondern auch die für das Pflanzenwachstum notwendigen Mikroorganismen und Mykorrhiza.

Wo Insekten fehlen, fällt nicht nur ihre Bestäubungsleistung aus, es verlieren auch größere Tiere, die sich von ihnen ernähren ihre Lebensgrundlage. Zum Beispiel Amphibien, Reptilien, Vögel und Fledermäuse.

Der anhaltende, großflächige Einsatz von Pestiziden verursacht einen Genozid an der Basis der Nahrungskette. Doch damit nicht genug. Schwermetalle, Mikroplastik, Nitrat, Hormone und Antibiotika vergiften die Böden und das Grundwasser, aus dem in Deutschland etwa 74 Prozent des Trinkwassers entnommen werden.

Während sich unsere problematischen Hinterlassenschaften weiter bis in die hinterste Ecke des Planeten verteilen, nimmt die Klimakatastrophe nun richtig Fahrt auf. Die vergangene Dekade war weltweit die Heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Europa ist von einem Waldsterben betroffen, das wir so noch nie gesehen haben. Es sind vor allem Wirtschaftsforste, die großflächig absterben. Natürliche Mischwälder zeigen sich deutlich resistenter gegenüber der andauernden Trockenheit. Doch auch sie erleiden erheblichen Schaden, wenn Lücken in ihrer Struktur entstehen.

Verbindung fühlen

Desillusioniert und besorgt um die Zukunft ihrer Kinder fordern immer mehr Menschen einen radikalen Systemwandel. Eine in allen Bereichen nachhaltige Lebensweise, die Rücksicht nimmt auf die Grundlagen des Lebens, die Biodiversität und das globale Klima.

Als Orientierungshilfe für die Entwicklung einer verantwortungsvolleren Beziehung zu unserem Planeten diene ein Blick auf jene Gesellschaften, die ihre Lebensweise den regenerativen Prozessen der Natur angepasst haben. Indigene Kulturen verstehen sich als Hüter der Erde, als Wächter und Beschützer der natürlichen Ressourcen – der Flüsse, Seen, Wälder und Tiere.

Der grundlegende Unterschied zwischen der naturbezogenen Lebensweise, die viele indigene Völker auch heute noch pflegen und unserer hoch industrialisierten Zivilisation liegt in der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Für eine indigene Person sind Pflanzen, Tiere, Berge und Gewässer beseelte Ausdrucksformen einer alles durchdringenden, heiligen Lebensenergie.

Oren Lyons, spiritueller Vermittler der Irokesen-Konföderation, bringt die indigene Wahrnehmung auf den Punkt: „Animals and plants are not a resource, they are family“.

Jedes Tier und jede Pflanze erfüllt ihre eigene, wichtige Aufgabe im komplexen System der Biosphäre, auch wenn ihr Nutzen uns Menschen nicht immer offensichtlich ist.
Nach indigenem Verständnis sind die Integrität und Unversehrtheit aller Lebensformen und lebenspendenden Elemente Voraussetzungen für das Wohlergehen der Menschen. Was nützt uns das beste Gesundheitssystem, wenn Luft, Wasser und Nahrung mit giftigen Rückständen aus Landwirtschaft, Verkehr und Industrie kontaminiert sind und die Böden ihre Fruchtbarkeit verlieren?

In der gegenwärtigen globalen Krise richten sich viele Anführer indigener Völker an die globale Gemeinschaft und erinnern an die Notwendigkeit einer Erneuerung unserer spirituellen Verbindung mit Mutter Erde. Ihre Botschaft: Wir haben einen Wendepunkt überschritten. Wenn wir überleben wollen, müssen wir Mutter Erde heilen.

Vielen indigenen Kulturen ist der Kreis ein heiliges Symbol. Primär steht er für die Zyklen der Natur. Die rotierende Erde, der Lauf von Sonne und Mond, die Jahreszeiten, die

Entwicklungsphasen des Lebens. Werden und Vergehen – alles verläuft in Kreisen.

Wir sollten wieder in Kreisen denken. Zum Beispiel beim Einkaufen: Was geschieht mit dem Verpackungsmaterial, nachdem die Lebensmittel ausgepackt sind? Welche Materialien sind besonders schwierig wiederzuverwerten und sollten deshalb gemieden werden? Muss wirklich für jeden Kaffee, den wir „to go“ kaufen, ein Pappbecher mit Plastikdeckel auf dem Müllberg landen?

Für Kunststoffe gibt es keinen funktionierenden Kreislauf. Sie können zwar wiederverwertet werden, gelten aber als ökologisch nicht abbaubar.
Deutschland exportiert jährlich etwa eine Million Tonnen Kunststoffabfälle. Für rund 90 Prozent dieser Abfälle besteht keine Nachweispflicht, wie sie entsorgt werden müssen. Ein Großteil des Abfalls landet auf offenen Halden in Osteuropa und Ostasien, verseucht dort die Umwelt und wird vom Wind ins Meer getragen. Bis zu 13 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle landen jährlich in den Ozeanen. Ein absolut unhaltbarer Zustand.

Es gibt Alternativen. Mehrwegbecher und -schüsseln aus wiederverwertbarem Material, Besteck aus Stahl, Stoff statt Plastik. Glas- und Edelstahlbehälter sind nicht nur langlebiger und schöner als solche aus Kunststoff, sondern auch frei von Schadstoffen. Jeder Gegenstand, den wir in die Hände nehmen, alles was wir besitzen und benutzen hat seine eigene Geschichte von Werden und Vergehen. Es liegt an uns, das zu wählen, was einer guten Geschichte folgt – einer Geschichte die im Einklang steht mit der Natur, die uns ernährt.

In der Verantwortung

Respekt, Mitgefühl und Fürsorge sind vielleicht nicht die Dinge, die wir empfinden, wenn wir den Einkauf machen, Filme streamen oder in den Urlaub fliegen, aber gerade da würden sie einen großen Unterschied ausmachen.
Respekt vor den lebensspendenden Elementen Wasser, Luft und Boden; Mitgefühl mit den Tieren, die wir halten und essen; Fürsorge für die kommenden Generationen – wenn wir diese Werte nicht berücksichtigen, wird der Strom von Giftstoffen nicht nachlassen, das Klima sich weiter aufheizen, die Wasserknappheit sich verschärfen und in der Folge werden noch mehr Menschen vor Hunger und Krieg flüchten.

Wir alle stehen in der Verantwortung. Wir müssen uns informieren, Veränderung einfordern, Initiativen unterstützen, selbstverantwortlich handeln und unsere Kinder aufklären.

Es braucht nicht viel, um ein Bewusstsein für die Lebensgrundlagen zu entwickeln.
Die Physiologie unseres Körpers bietet genügend Stoff zum Nachdenken.
Die Haut bildet die äussere Grenze unseres Organismus. Doch wir sind durch den Stoffwechsel, die Atmung und unsere Sinneseindrücke mit der Umwelt verbunden. Der Körper einer erwachsenen Person besteht zu 50 bis 65 Prozent aus Wasser und verbraucht täglich 1,5 bis 3 Liter davon. Wer keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, wird krank. Am extremsten zeigt sich unsere Abhängigkeit von der Umwelt durch unsere Atmung. Wenn wir aufhören zu atmen, sind wir nach wenigen Minuten tot.

Sauberes Wasser und saubere Luft erhalten unser Leben. Diese einfache Erkenntnis sollte genügen, eine nachhaltige Lebensweise nicht nur einzufordern, sondern sie zu leben.


Yves Scherer Luzern / Berlin, 2021

Yves Scherer arbeitet als Visueller Gestalter in den Bereichen Kultur, Gemeinwesen und nachhaltige Wirtschaft. Als gelernter Heilpraktiker bietet er Kräuter- und Medizinwanderungen sowie systemische Aufstellungsarbeit an.
www.yves-scherer.com
, www.medizinwald.com


Quellen

  • Wald und Klimawandel: Peter Wohlleben: «Das geheime Leben der Bäume», Ludwig Verlag München
  • Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde: «Vertraute Landschaften verändern sich für immer»https://www.focus.de/wissen/natur/vertraute-landschaften-veraendern-sich-fuer-immer-test_id_13056762.html (eingesehen: 03.2021)
  • Insektensterben: https://www.tum.de/nc/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/details/35768/ (eingesehen: 03.2021)
  • Indigene: Arvol Looking Horse, spiritueller Führer der Lakota Sioux-Nation: «One prayer» https://www.youtube.com/watch?v=llVm4F84PpE
  • Oren Lyons, spiritueller Führer der Six Nations Iroquois Confederacy: «On the indigenous view of the world» https://www.youtube.com/watch?v=kbwSwUMNyPU&t=6s
  • Lewis Cardinal, ausgezeichnet mit dem kanadischen National Aboriginal Achievement Award for Public Service: «Foundations of indigenous worldviews»
  • https://www.youtube.com/watch?v=xPpvXRsGi-w
  • Plastik: https://www.wwf.de/2020/november/plastikexport-ins-ungewisse (eingesehen 03.2021), https://www.greenpeace.de/themen/endlager-umwelt/plastikmuell (eingesehen 03.2021)
  • Toxine: Stephen Harrod Buhner: «Die heilende Seele der Pflanzen», Herba Press Verlag; https://www.wassertest-online.de/blog/nitrat-im-wasser/ (eingesehen 03.2021)

Weitere Artikel